Partnerschaft

"In dem Bekenntnis zu einer Politik der Verständigung und des Friedens,
zum besseren Verstehen zwischen den Völkern,

in dem Wunsche nach einem dauernhaften Austausch
der Beziehungen in allen Bereichen des kommunalen Lebens,
zur Überwindung trennender Grenzen,

in der Hoffnung auf eine stetig sich vertiefende Freundschaft
zwischen unseren Gemeinden und ihren Bürgern
schließen nach bestehenden
vielfältigen Kontakten auf verschiedenen Ebenen
die Gemeinden Pilisszentiván in Ungarn und
Marktleugast in der Bundesrepublik Deutschland
eine offizielle Partnerschaft."

So lautet die zweisprachige Partnerschaftsurkunde, die die beiden Gemeinden am 21. Oktober 1988 zunächst in Pilisszentiván und danach am 16. Juni 1989 in Marktleugast feierlich geschlossen haben.

Pilisszentiván, im Vordergrund rechts das Rathaus, dahinter die Kirche
Ortsansicht Pilisszentiván

Die Wurzeln der Partnerschaft gehen zurück bis in die Wirren des Zweiten Weltkrieges. Noch vor Kriegsende flüchteten zahlreiche Familien von Pilisszentiván nach Bayern und fanden in Marktleugast eine zweite Heimat. Darunter auch Georg Bauer, der eigentliche Hauptinitiator und Motor der späteren Partnerschaft. Die sanfte Wende war in Ungarn noch nicht vollzogen, da besuchte der gemischte Chor Pilisszentiván während einer Konzertreise für einige Tage Marktleugast. Ein Besuch, der gleichzeitig den Grundstein legte für die erste Gemeindepartnerschaft zwischen Ungarn und Deutschland, deren offizielle Besiegelung dann aber doch noch einige Zeit dauern sollte.

"Im Frühjahr 1988 empfingen wir eine Abordnung aus Marktleugast, die zur Brautschau nach Pilisszentiván kam, wie sie es nannten", blickt Maria Mirk schmunzelnd zurück. Einige Monate später, am 21. Oktober, unterzeichneten dann die beiden Bürgermeister Gábor Pénzes und von deutscher Seite Manfred Huhs, die Partnerschaftsurkunde. "Große Unterstützung erhielten wir in diesem Vorhaben auch vom Landkreis Kulmbach und der bayerischen Regierung, damals unter Ministerpräsident Franz Joseph Strauß", erinnert sich Huhs. Die treibende Kraft kam jedoch von weiter unten, von den Pilisszentivánern, die sich auf ungarischer Seite für die Realisierung einsetzten und den Marktleugastern. Denn eine Partnerschaft auf dieser Ebene war für die damalige Zeit noch absolute Ausnahme.

Bis dahin waren es meist wirtschaftliche Interessen, die im Vordergrund standen - diesmal waren es allerdings ausschließlich kulturelle.

Im Oktober 1989 reiste dann die ungarische Delegation zur Urkundenunterzeichnung nach Nordbayern. "Die Partnerschaft kam zu einem großen Teil auch durch den Pilisszentíváner Chor und dem Musikverein zustande, erklärt Franz oder besser gesagt Ferenc Neubrandt. Er bekleidet bereits seit langen Jahren das Amt des Chorleiters und des Kantors in der 4000-Seelen-Gemeinde rund 18 Kilometer von Budapest entfernt und weiß daher sehr genau, wie es um die guten Beziehungen zu Marktleugast bestellt ist.

"Wenn ich daran denke, auf welch vielfältige Weise wir von dort schon Unterstützung bekommen haben, nicht nur in finanzieller Form, würden wir wohl morgen noch dasitzen". Es sind aber die unvergesslichen menschlichen Erlebnisse, an die Aufenthalte hier in Pilisszentiván und die gegenseitigen Besuche, die für die Marktleugast bei ihrer Hilfe stets im Vordergrund standen, so Ferenc Neubrandt weiter. Er denkt dabei an die Kirchenorgel, an den Brunnen am Hauptplatz, aber ebenso an Schule und Kindergarten.

"Wir sind immer darum besorgt, dass sich unsere Gäste richtig wohlfühlen", ergänzt Elzsébet Marlok. Sogar der Kulmbacher Landrat war bereits zu Gast, war mit einer kleinen Gruppe von Passau aus bis nach Pilisszentiván geradelt. Hingegen sind die Mitglieder des Marktleugaster Musikvereins, des Fußballvereins, der Pfadfinder oder der Freiwilligen Feuerwehr bereits Stammgäste, kommen teilweise sogar mehrmals im Jahr zu Besuch. "Oft merke ich als Bürgermeister nicht mal mehr, ob gerade wieder jemand von unserer Gemeinde in Pilisszentiván ist", lacht Manfred Huhs. Die Partnerschaft habe schon eine solche Eigendynamik entwickelt, dass es keiner offiziellen Abordnungen mehr bedarf, um sich regelmäßig zu sehen. Daneben werden allerdings alljährlich auch größere Festlichkeiten organisiert, wie beispielsweise der Szent-Iván-Tag am 21. Juni oder das Straßenfest in Marktleugast am 31. August 2003, bei denen dann Musikkapelle, Tanzgruppe, Chor und Musikverein mitwirken. Vor allem letztere beiden wussten bei einer Reihe größerer Auftritte in Deutschland und Ungarn bereits ihr Publikum zu begeistern. Doch auch die 20-köpfige Pilisszentiváner Tanzgruppe präsentierte schon bei einer Vielzahl anderer Veranstaltungen ungarndeutsche und ungarische Trachten und Volkstänze. Diese Bräuche gehen zurück bis in die Zeit um 1724, als sich die ersten deutschen Familien aus der Gegend von Lohr am Main in Pilisszentiván niedergelassen hatten. Oft sind es die kleineren Feste und Abende in gemütlicher Runde, die in den Erinnerungen haften bleiben. "Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, als wir bei Letscho und Wein am offenen Feuer saßen, da wurde es ziemlich spät", erzählt Elzsébet Marlok. Die Vorbereitungen für den Szent-Iván-Tag, alljährlich zur Sommersonnwende, laufen indes auf Hochtouren. Während am Vormittag die Kinder im Mittelpunkt des festlichen Geschehens sein werden, zieht um 15 Uhr ein Festzug durch Pilisszentiván, umrahmt wird das Ganze von bunten Kulturprogrammen, dem Auftritt einer französischen Tanzgruppe und ein anderer Glanzpunkt wird mit der abendlichen Hexenverbrennung erwartet.

Der Einfluss der ungarischen Kultur lässt sich aber auch in Marktleugast aufschnappen. Vor allem beim dortigen Straßenfest, zu dem im Jahr 2003 die 20 Mitglieder der Musikkapelle sowie die Tanzgruppe Pilisszentiván erwartet wurden. Daneben sind es vor allem kulinarische Kleinigkeiten wie Palacsinta oder Langos, die bei den Besuchern wieder auf Begeisterung stoßen dürften. "Einmal bot ein Restaurant bereits eine ungarische Woche an, daneben lässt sich in er Piroska-Csárda, nahe Marktleugast, alles rund ums rote Paprika genießen", führt Manfred Huhs weiter aus.

Am 03. Oktober 2003 wurde dann in Pilisszentiván gemeinsam mit zahlreichen Gästen aus der nordbayerischen Partnergemeinde das 15-jährige Bestehen der engen Freundschaft gefeiert. "Und im nächsten Jahr werden wir dann nach Marktleugast reisen und dort unser 15-Jähriges feiern", freut sich Maria Mirk schon jetzt. Bis es soweit ist, werden allerdings noch viele gegenseitige Besuche und Reisekilometer dazwischen liegen, eben so wie es schon immer war - in den 15 Jahren der Partnerschaft von Pilisszentiván und Marktleugast.

(Quelle: PEP, Juni 2003 von Rainer Gahn)