Markt Marktleugast

Markt Marktleugast – Aktuelles

Europa für Bürgerinnen und Bürger – 30 Jahre partnerschaftlicher Dialog

Wir feiern
30. Partnerschaftsjubiläum -
30 Jahre freundschaftliche
Verbindung zwischen Marktleugast und Pilisszentiván

Anlässlich unseres
30. Partnerschaftsjubiläums,
das wir in diesem Jahr
vom 19. Oktober 2018 bis
23. Oktober 2018 in Ungarn
feiern werden, haben wir für Sie,
liebe Bürgerinnen und Bürger,
Geschichtsbücher gewälzt, in Kartons gekramt,
und uns etwas Besonderes für Sie einfallen lassen:

Das Jubiläumsjahr über, werden wir Ihnen in jeder Ausgabe unseres Mitteilungsblattes sowie auf unserer Homepage etwas über die Verbindung Ungarn-Deutschland, die dahinterstehende Geschichte, das Dorf Pilisszentiván und seine Bevölkerung sowie über die Entstehung und Historie der 30-jährigen Partnerschaft erzählen. Sie dürfen gespannt sein!

Teil 1

Eines der ersten Bücher, das uns in die Hände fiel, war "Schicksalswege einer Volksgruppe von Sanktiwan in das Kulmbacher Land" von Georg Bauer aus Marktleugast. Ohne ihn, Georg Bauer, wäre diese lebendige und beispiellose Beziehung, die Partnerschaft zwischen Pilisszentiván und Marktleugast, die wir heute leben, überhaupt nicht möglich gewesen bzw. zustande gekommen.

Deshalb möchten wir Ihnen kurz einen kleinen Einblick in das Leben von Georg Bauer geben:
Georg Bauer wurde am 23. Januar 1931 in Pilisszentiván geboren. Er besuchte dort von 1937 bis 1940 die Volksschule und anschließend das deutsche Jakob-Bleyer-Gymnasium in Budapest. Während seine Mutter und seine beiden Schwestern mit vielen anderen Familien bereits 1944 als Ungarndeutsche nach Marktleugast übergesiedelt waren, konnte sich der damals 14-jährige Georg Bauer erst 1945 über das Sudetenland hierher durchschlagen. In Deutschland angekommen, erlernte er den Beruf des Zimmermanns. 1956 heiratete er seine Ehefrau Elisabeth Angeli, die aus dem Nachbarort Pilisvörösvár stammte. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor. 1964 wechselte Georg Bauer den Beruf und wurde für die damalige BELG, heute Bayernwerk, tätig. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1988 war er dort im technischen Büro angestellt. Bis zu seinem Tod am 14.05.2015 war er mit äußerstem Einsatz für die Partnerschaft tätig.

Seine eigene Vergangenheit und der Wunsch, zwischen der alten Heimat in Ungarn und der neuen Heimat hier im schönen Frankenland Marktleugast eine Brücke zu bauen, ließen ihn und seine Gattin schon frühzeitig zu einem "unermüdlichen Motor" für die gemeinsame Partnerschaft zwischen unseren beiden Gemeinden werden.
Er war quasi der Ursprung und Initiator dieser freundschaftlichen und starken Verbindung. Als ehrendes Andenken und Anerkennung seines Engagements und seiner Verdienste um die Partnerschaft zwischen Marktleugast und Pilisszentiván möchten wir aus seinem im Jahre 2002 erschienenen Buch "Schicksalsweg einer Volksgruppe von Sanktiwan in das Kulmbacher Land" zitieren. Hier beschreibt er in beeindruckender Weise die ersten Verbindungen zwischen Deutschland und Ungarn.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!

Unser Bild zeigt (von links) Gábor Pénzes, Elisabeth Bauer, Hannelore Huhs und Georg Bauer.

Auszug aus dem Buch
"Schicksalsweg einer Volksgruppe von Sanktiwan in das Kulmbacher Land"
von Georg Bauer

Vorwort

Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt gottlob schon viele Jahre hinter uns. Ein Krieg, welcher unsägliches Leid und Elend über die Menschen brachte, aber auch die Weltordnung aus den Fugen geraten ließ. So wurden zwölf Millionen und noch mehr Deutsche aus ihrer angestammten Heimat vertrieben und entrechtet, ihres Vermögens beraubt, und den Volksdeutschen aus Ungarn wurde sogar die Kollektivschuld am Zweiten Weltkrieg angelastet. Aus Ungarn wurden nach dem Zweiten Weltkrieg 225.000 Deutschstämmige nach Deutschland vertrieben. In Ungarn verblieben weitere 220.000, welche nach dem Krieg bei Verbot der deutschen Sprache in der Kirche, der Schule und in der Öffentlichkeit, zu einer "stummen Generation" wurden. Die Folge dessen war, dass die nachfolgenden Generationen ihren schwäbischen Dialekt gänzlich vergaßen, bzw. nicht mehr von den Eltern und Großeltern erlernten. Da in Ungarn, im Besonderen aber auch in Pilisszentiván/Sanktiwan, keine Vergangenheitsbewältigung geschah, betrachte ich es als notwendig, der Nachwelt unserer Heimatgemeinde die geschilderten Geschehnisse als Dokumentation zu erhalten.

Die Donauschwaben oder auch Ungarndeutsche

Als Donauschwaben bezeichnet man die in ganz Ungarn bzw. im Donauraum angesiedelten Deutschen, die in Ungarn angesiedelten im Besonderen als Ungarndeutsche, korrekt aber wäre die Bezeichnung "die Deutschen in Ungarn". Nach der Vertreibung der Türken 1683 durch Prinz Eugen von Savoyen, rief man die deutschen Siedler in das entvölkerte Land der Magyaren. Die Siedler kamen damals aus Elsass-Lothringen, aus der Pfalz, aus Baden-Württemberg, Hessen, Franken und Bayern, sowie aus anderen europäischen Ländern. Sie wurden schon damals Schwaben genannt, obwohl nur ein Teil tatsächlich aus dem schwäbischen Raum kam. Im 17. und 18. Jahrhundert wanderten mehr als 150.000 deutsche Bauern und Handwerker nach Ungarn aus.

"Die Ersten fanden den Tod,
Die Zweiten fanden die Not,
Die Dritten erst fanden das Brot."

Sie kamen aus Deutschland, der König rief sie einst in Ehren, sie pflügten den Boden. Sie schufen aus einer Wüste ein blühendes Land, aus Sümpfen erhob sich eine neue Welt. Und sie mussten gehen; sie nahmen ihr Kreuz, sie trugen es hinauf, von Ohnmacht gebeugt und geschunden, noch heute spürt man die Wunden.

Schicksalsweg einer Volksgruppe von Sanktiwan in das Kulmbacher Land
Geschehnisse vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges und danach

Eine ähnliche Überschrift hatte ich schon einmal1976 in einer Heimatbeilage der Bayerischen Rundschau in Kulmbach, Nr. 3/1976 gewählt. Diese möchte ich heute wieder verwenden, weil sie jetzt, nach über fünfzig Jahren nach den Geschehnissen, noch immer zutrifft. Zudem wurden die damaligen Geschehnisse für viele Menschen zu unsäglichem Leid und Elend, sowie zu schmerzhaften Erlebnissen. Nachdem die Deutschen in Ungarn seit ihrer Ansiedlung vor fast dreihundert Jahren zunächst ein bescheidenes, aber auch sehr arbeitsreiches und karges Leben führten, bekamen sie nach der Jahrhundertwende und nach dem Ersten Weltkrieg von 1914/1918 gewisse Rechte zugestanden. Unabhängig davon waren die Deutschen immer einem gewissen Druck seitens der nationalistischen Ungarn ausgesetzt, man versuchte immer die deutsche Bevölkerung zu magyarisieren. So war es zum Beispiel fast unmöglich, einen staatlichen Arbeitsplatz zu bekommen, wenn man seinen Namen nicht gleichzeitig magyarisieren ließ. Nachdem die politischen Veränderungen in Deutschland zustande kamen und man sich in Deutschland ihrer Landsleute im Ausland bewusst wurde, bekamen auch die Deutschen in Ungarn erweiterte Rechte zugestanden.

So wurde den Deutschen in Ungarn erlaubt, deutsche Schulen zu gründen, weiterhin wurde in den Orten mit überwiegender deutscher Bevölkerung erlaubt, den Unterricht gemischt zu erteilen, d.h. deutsch und ungarisch. Auch wurden höhere Lehranstalten gegründet, eine dieser war das Jakob-Bleyer-Gymnasium in Budapest. Diesem war auch ein Internat angegliedert, welches der Schreiber dieser Zeilen auch besuchte. Jakob-Bleyer-Gymnasium genannt nach dem wohl größten und fähigsten Mann, den unsere Volksgruppe damals besaß. Jakob Bleyer repräsentierte damals die Minderheiten als deren Minister in der ungarischen Regierung. Diese und andere Lehranstalten der Deutschen sollte die so dringend benötigte Intelligenzschicht heranbilden, die für den Bestand und für die Fortentwicklung der Volksgruppe von größter Wichtigkeit gewesen wäre. Leider wurden diese Ansätze jäh unterbrochen, ja sogar zum Scheitern verurteilt. Die nationalistischen Einflüsse sowohl in Ungarn als auch in Deutschland wurden unserer Volksgruppe zum Verhängnis und zum Spielball der Politik. So wurden schon Anfang der vierziger Jahre und später, gestützt auf ein Abkommen zwischen Deutschland und Ungarn, die wehrfähigen Männer der Deutschen zum deutschen Militär, vorwiegend aber zur Waffen-SS, eingezogen. Das wurde vielen von denen zum Tod und Verderben, für manche aber auch das Überleben. Überleben deshalb, weil jene nach dem Krieg in Gefangenschaft gerieten und der Vergeltung der kommunistischen Schergen entgangen sind. So musste kommen, was kommen musste.

Die Kriegsfront der sowjetischen Streitkräfte näherte sich bereits der Hauptstadt Budapest, der Kampf tobte über das ganze Land, und es herrschte sehr große Angst und Unruhe unter den Menschen. In dieser Zeit, es war schon November 1944, waren wie überall im Lande deutsche Soldaten auch in Sanktiwan einquartiert. Die deutsche Wehrmacht war auf dem Rückzug und Budapest wurde zur Festung ausgerufen. Gleichzeitig erging ein Aufruf von der Wehrmacht an die deutschstämmige Bevölkerung. Dieser Aufruf hatte damals ungefähr so gelautet:

"Personen und Familien, welche sich 1941 bei der Volkszählung zur deutschen Abstammung und zur deutschen Muttersprache bekannt haben, ferner solchen, welche Angehörige beim deutschen Militär haben, wird dringend geraten, von der Evakuierung nach Deutschland Gebrauch zu machen. Die Wehrmacht sorgt für die Evakuierung und stellt auch die Transportmöglichkeit zur Verfügung."

Diese Maßnahme war ja damals als Übergangslösung dargestellt, man sprach ja noch immer vom Endsieg. Die Evakuierung sollte die Menschen vor den Grausamkeiten der sowjetischen Streitkräfte schützen, welche diesen vorauseilte. Aber auch vor den Repressalien, und diese nicht nur durch die Sowjets, sondern auch durch die nationalistischen, kommunistischen Schergen. Die Ereignisse und der Ausgang des Krieges sollte für die Betroffenen eine andere Entscheidung bringen.

Das Schicksal hat es anders gewollt: es war ein großer Trugschluss, nicht nur für die Militärs, nein, noch mehr für viele Millionen Menschen. Im Nachhinein war diese Evakuierung bereits ein Abschied für immer, so schien es zumindest zur damaligen Zeit. Von einem Tag zum anderen mussten Haus und Hof zurückgelassen werden, und was noch viel schwerer wog, war die schmerzliche Trennung von den Menschen. So wurden teilweise Vater und Mutter, Bruder und Schwester, ja sogar Kinder zurückgelassen, viele Familien wurden für Jahrzehnte auseinander gerissen. Väter und Söhne waren im Krieg, niemand wusste, wo sie sind, und ob man sich jemals wieder sehen wird. In dieser Zeit kam also dieser Aufruf, und die Frauen mit den kleinen Kindern wussten keinen Rat, die Ungewissheit brachte viel Leid über die Menschen. Nicht nur jene, welche die Heimat verlassen haben, auch jene, welche daheim geblieben sind, lebten in großer Angst und Aufruhr. Zu diesen Vorkommnissen muss auch noch gesagt werden, dass damals so an die 360 Personen Sanktiwan durch Evakuierung verlassen haben. Ob es sich damals ausschließlich um solche handelte, die aus vorher genannten Kriterien Sanktiwan verlassen haben, soll hier nicht festgestellt werden. Es hat sich aber im Nachhinein herausgestellt, dass im Zuge der Vertreibung der Deutschen aus Ungarn auch solche die Heimat verlassen mussten, welche sich 1941 als Ungarn bezeichnet haben. Es gab ja damals Fälle, wo die Großeltern oder die Eltern kein ungarisches Wort sprachen, die Kinder sich aber als Ungarn bekannten.

Hier sei noch angefügt, dass in Sanktiwan keine Zwangsanweisung erfolgte, weil zu dieser Zeit noch der Kohleabbau betrieben wurde und der Energiestoff Kohle dringend benötigt war. Ein Dekret der damaligen Regierung bestimmte also: keine Ausweisung der Bergleute, welche ja zum überwiegenden Teil deutschstämmig waren. So kam es dazu, dass Sanktiwan und die Nachbargemeinde Werischwar keine Ausweisung erfuhren. Diese Problematik des sich zur Abstammung zu Bekennens gab es und gibt es auch heute noch in Ungarn. Es steht jedem Menschen frei, als was er sich fühlen möchte, nur muss man sich entscheiden und bei oder zu dieser Entscheidung stehen.

Kurz nach der politischen Wende 1990 habe ich in einer Ungarndeutschen Zeitung (Neue Zeitung Nr. 41 vom 13. Oktober 1990) u.a. Folgendes geschrieben:

"Es genügt bei Weitem nicht, bei Deutschlandbesuchen sich als Deutscher auszugeben, nur um in den Genuss von gewissen Vorteilen (Besuchergeld) zu kommen." Vielmehr sollte man danach leben. Hier möchte ich zwei Sätze aus dem Literarischen Rundbrief Nr. 5 des Ungarndeutschen Verbandes Budapest von 1985 gebrauchen: "Als Mensch bin ich ein Deutscher, als Bürger ein Magyar. So und nicht anders haben unsere Eltern und unsere Vorfahren in den fast dreihundert Jahren seit der Ansiedlung ihre Identität gelebt und bewahrt."

Demnächst folgt die Fortsetzung zum Thema "Familienschicksal".